King Kong Theory

22.45 min
Live Performance
Momentum|Berlin, Kunstquartier Bethanien, Berlin

Der Titel von Marcin’s neuer live Performance 'King Kong Theory' basiert auf dem Buch "King Kong Theory" der französischen Schriftstellerin und Feministin Virginie Despentes. Despentes wählt als Protagonistin die Weiblichkeit, die sich im Spannungsfeld zwischen inszenierter Wirklichkeit, gesteuerter Wahrnehmung und Selbstbehauptung bewegt. Es ist nicht gerichtet an 'die' Frau, denn die gibt es nicht, und die perfekte, medial herausgeputzte schon gar nicht, sie ist nur Kategorie. Es spricht die Vielfältigkeit und Einzigartigkeit an und wendet sich gegen unsere hartnäckig festsitzenden, definierten Rollen- und Klischeebilder, welche unser Alltagsbild bestimmen und unsere Wirklichkeit formen. King Kong, sozusagen gleichermaßen ihr Protagonist, verkörpert für sie einen natürlichen, idealen Ur-Zustand – weder Mensch noch Tier, männlich noch weiblich, gut noch böse – der sich erst durch den Akt der Domestizierung in das wahrhafte Biest verwandelt.


In der ersten aus einer Trilogie von live Performances 'King Kong Theory' drückt Nadja Verena Marcin dieses spannungsvolle Moment von animalischer Einfachheit und zivilisierter Komplexität aus, ihre Skepsis gegenüber starren Kategorien. Sie selbst spielt eine Neuerfindung der Rolle von Ann Darrow, während King Kong in Gestalt einer für Marcin’s Arbeit charakteristischen Skulptur erscheint, von Marcin als 'Illusion' bezeichnet. Das ungemein wuchtig wirkende, entfernt an einen Gorilla erinnernde schwarze Gebilde im Gegensatz zu der zierlichen Frau transportieren die traditionelle Idee von Gut und Böse, jedoch ist die Brutalität des Original und die damit eingehende Machtkonstellation abwesend. Wie bei Despentes, sollen gängige, im Namen der Zivilisation gezeichnete Rollenbilder hinterfragt bzw. ausradiert werden. Denn hinter einer perfekt geordneten Fassade, wo alles seinen 'natürlichen' Platz hat, verbirgt sich ein starres Wert- und Normgebäude getragen von einer mangelhaften, gesellschaftliche Konstruktion. In der Interaktion mit dem vermeintlich menschenfressenden Biest hebt Marcin unsere dualistische Negativ-Positiv-Sichtweise hervor und demonstriert uns deren gefährliche und verletzende Absurdität.

Text von Veit Rieber, Kunsthistoriker, Berlin